DiensterlebnisDiensterlebnis

Sie befinden sich hier:

  1. Ehrenamt
  2. Bergwacht
  3. Diensterlebnis
BW_DD_Auto_2169_Sept2010_JuergenRolke_schmal.jpg Foto: J. Rolke

Mitten im Leben

Der Text basiert auf mehreren Diensten 2017.

Alle sechs Kameraden, die an diesem Wochenende zum Dienst angetreten sind, sind beschäftigt. Unseren Dienst haben wir pünktlich 09:00 Uhr bei der Rettungsleitstelle in Dresden angemeldet; unser offizieller Status ist „Einsatzbereit auf der Wache“. Gleich morgens haben wir wie immer alle Rucksäcke mit dem Einsatzmaterial gecheckt, die persönliche Schutzausrüstung griffbereit an den Haken gehängt, alle Akkus aufgeladen, das Fahrzeug nach Liste geprüft und ans Stromnetz zur Batterieladung und Motorvorwärmung angeschlossen. Die erfahrenen Bergretter kennen die vielen Handgriffe - sie sind schon Routine. An diesem Wochenende ist auch eine junge Anwärterin dabei, die sich auf ihre Prüfung zur Einsatzkraft vorbereitet. Alles wird geduldig erklärt, wie man es uns damals auch erklärte als wir angefangen haben. In der Ausbildung ist sie schon weit vorangekommen, aber ein Dienst auf der Wache ist das beste Training. Doch zunächst heißt es nur warten und bereit sein.

 

Wir sind von der Bergwacht-Bereitschaft Dresden. Das ist eine der acht Bereitschaften, die im Abschnitt Sächsische Schweiz den Dienst am Wochenende besetzen. Bergunfälle an Werktagen oder außerhalb der Dienstsaison (Ostern bis Oktober) übernehmen die Alarmgruppen. Das sind Kameraden, die im Bereich des Dienstgebietes ihrem Beruf nachgehen, aber jederzeit erreichbar sind und ausrücken können. Quasi immer bereit. Wenn es diese Kameraden nicht gäbe, wäre es weit schwieriger. Wir Dresdner sind Wochenendretter und nutzen die Zeit auf der Wache, soweit es geht, auch zur Erholung. Die Ruhe im Haus wird nicht gestört durch das Klappern der Töpfe und Teller in der Küche, wo ein Kamerad das Mittagessen vorbereitet. Am Funktisch blättert der Einsatzleiter in den alten Protokollen, zwei Kameraden üben vor der Wache mit dem GPS-Gerät, zwei packen im Behandlungsraum den Arztrucksack zusammen, dessen Inhalt sie gerade zum wiederholten Male inspiziert haben.

Es geht auf Mittag zu. Der Alarm kommt über die Funkmeldeempfänger und auf das digitale Funkgerät. Immer überraschend, aber nie unvorbereitet. Ohne Hektik, aber energisch schallt das „Alarm“ durch das Haus, damit jeder sofort über den anstehenden Einsatz informiert ist. Jetzt weiß jeder sofort, was er zu tun hat. Das Wichtigste sind die Informationen: Was ist passiert, wohin geht es, was und wer erwartet uns am Einsatzort. Noch während unser Einsatzleiter mit der Leitstelle spricht, bereiten die Kameraden das Verlassen der Wache vor. Herd und andere Geräte abschalten; die Kartoffeln müssen warten. Die Kameraden fahren in die Bergschuhe und legen die Gurte an, Helme, Handschuhe und Funkgerät sind griffbereit. Das Fahrzeug ist fertig zur Abfahrt als der Einsatzleiter die Mannschaft über die wichtigsten Eckpunkte informiert. Ein Kletterer ist am Brückenturm noch vor dem ersten Ring abgestürzt. Wir wissen, wo wir hinmüssen. Aufsitzen. Der Einsatzleiter ist jetzt Beifahrer. Details werden noch während der Fahrt besprochen. Höchste Konzentration für den Fahrer. Es geht im Schritttempo mit Martinshorn und Blaulicht durch das enge Rathen mit seinen vielen Touristen. Dann vorsichtig durch Bad Schandau und ins Kirnitzschtal mit den vielen Kurven und der Überlandstraßenbahn. Inzwischen wissen wir vom Nachsteiger, der den Notruf per Handy abgesetzt hat, mehr über die Situation vor Ort. Der Kletterer liegt abgestürzt schwer atmend am Boden und ist kaum ansprechbar. Niemand traut sich, ihn zu bewegen. Lebensbedrohliche Situation, schwieriges Gelände, weit oben. Wir werden den Hubschrauber mit dem Notarzt brauchen. Unser Luftretter hat schon Kontakt aufgenommen und weiß, dass uns dieses Rettungsmittel bei Bedarf zur Verfügung steht. Eigentlich muss bei uns jeder Felsretter alle Funktionen übernehmen können. Die Ausbildung ist breit angelegt, von der sanitätsdienstlichen Qualifizierung über Seiltechnik und Funkausbildung bis zur Einsatzleitung. Der Fachausbildung voraus gehen Kurse und Testate zum Klettern, zur Orientierung im Gebirge, ein Fitnesstest, eine Höhlenbefahrung und vieles mehr. Aber für einige Aufgaben braucht es eine spezielle Ausbildung. So für den Fahrer, der im schwierigen Gelände genau wissen muss, was er dem Fahrzeug und seiner Mannschaft abverlangen kann. Der Luftretter der bei guter Wetterlage mit dem Patienten ausfliegt oder der Einsatzleiter, der das Einsatzteam führt und andere Rettungskräfte koordiniert. Jeder übernimmt seine Rolle gemäß seiner Ausbildung oder gemäß seinen Fähigkeiten. Ist ein Arzt oder Notfallsanitäter in der Dienstmannschaft, wird er die Versorgung des Patienten übernehmen. Fahrer und Luftretter stehen per Dienstliste schon vorher fest. Und falls wir klettern müssen, steigt natürlich unser bester Kletterer vor. Die Anderen gehen dann mit Steigklemmen hinterher. Die sächsischen Kletterregeln sind im Einsatz nicht relevant, da heißt es vor allem, sich schnell und sicher zu bewegen. Auf einem schmalen Band klinken wir auch schon mal einen Karabiner in den Ring mit der Teleskopstange von unten ein, um Personen und Material gegen Absturz zu sichern, denn Sicherheit ist oberstes Gebot.

Wir sind inzwischen am Beuthenfall abgebogen und über Dietrichsgrund und Unteren Affensteinweg fahren wir soweit es geht. Absitzen und Material verteilen: Medizinischer Rucksack, Rucksäcke mit Seiltechnik, Korbtrage, Bergesack. Dann geht es zu Fuß nach oben. Hilfsbereite Kletterer anderer Seilschaften sind uns entgegengekommen, zeigen uns den kürzesten Weg und wollen Tragen helfen. Das hilft tatsächlich, wir sind dankbar. Natürlich schaffen wir das auch alleine, aber so geht es schneller, kraftschonender. Das ist Kameradschaft. Am Patienten angekommen, beginnt sofort die Versorgung nach Standardprozeduren. Überwachung der lebenswichtigen Funktionen: Atmung, Kreislauf, Bewusstsein. Der Schädel ist OK, der junge Mann trug einen Helm. Die Halskrause kommt trotzdem dran. Die Schürfwunden sehen nicht gut aus, sind aber nicht lebensbedrohlich. Das gebrochene Becken dagegen schon. Also Beckenschlinge anlegen. Der harte Bauch ist nicht gut. Er muss so schnell wie möglich in die Klinik. Der Hubschrauber ist schon unterwegs. Mit vielen Händen kommt der Verletzte in die Korbtrage. Jetzt werden auch das gebrochene Sprunggelenk und die Schürfwunden versorgt. Im Protokoll wird alles festgehalten. Die Sicherung ist aufgebaut, der Verletzte kommt weg vom Fels auf eine Lichtung, wo der Hubschrauber den Verletzten per Winde übernehmen kann. Schutzbrille aufsetzen, denn der Dreck am Waldboden wird aufgewirbelt, als der Hubschrauber über uns steht.

Kurze Zeit später ist der Bergesack im Hubschrauber verschwunden, dann geht es für den Verletzten nach Pirna ins Krankenhaus. Wir packen unsere Ausrüstung ein, verstauen alles im Fahrzeug, verabschieden uns von den Helfern und melden uns bei der Leitstelle „Einsatzbereit auf dem Fahrzeug“. Ein paar Müsliriegel und Getränke haben wir im Auto. Das hilft gegen den Hunger, falls gleich der nächste Einsatz kommen sollte. Unsere Medizinfrau hat gezeigt, was sie kann; sie ist eigentlich Lehrerin. Wir kommen alle aus den unterschiedlichsten Berufen, die wenigsten sind im medizinischen Bereich tätig. Alles im Ehrenamt. Viel Freizeit geht nach der Ausbildung neben den Diensten auch für die regelmäßigen Wiederholungen und Fortbildungen drauf. Weil man nur kann, was man auch regelmäßig übt. Aber wer sich die Bergwachtjacke anzieht, hat sich entschieden. Wer noch mehr Zeit opfern kann und will, wird Ausbilder oder übernimmt eine der Funktionen im Leitungsbereich - in der eigenen Bereitschaft, im Abschnitt oder in der Landesleitung. Das ist auch notwendig, denn jemand muss den gesamten Dienst- und Ausbildungsapparat organisieren.

Wir erreichen ohne weitere Zwischenfälle wieder die Wache. Die Kartoffeln kriegen eine zweite Chance, wir gehen direkt über zum Abendessen. Heute passiert nichts mehr. Genug Zeit für die Auswertung des Einsatzes. Mit dem Rücktransport unseres Bergesacks kommt aus der Klinik die Info, dass der Kletterer bereits operiert wurde und es ihm bald wieder besser gehen wird. Wir sind erleichtert, denn nicht immer geht es am Ende gut aus. Und unsere junge Anwärterin hat sich auch bestens bewährt.

Am Sonntag bleibt es grau, es regnet ohne Pause. Das Gebirge bleibt menschenleer. Pünktlich 19:00 Uhr melden wir bei der Leitstelle den Dienst ab und dann geht es nach Hause.

Ein Bericht von H. Simmert